Fortpflanzung und Lebensweise von Libellen

 

Lebensweise

Ich versuche, mich hier sehr kurz zu fassen/mich auf das Wesentlich zu beschränken, denn eigentlich ist der Lebenszyklus einer Libelle ganz schön spannend und man kann sehr viel darüber schreiben!

Den größten Teil ihres Lebens verbringen Libellen im Wasser: sie entwickeln sich von der Prolarve zu einer Larve und leben als räuberische Insekten unter der Wasseroberfläche.
Dieses Dasein kann unterschiedlich lange dauern: von wenigen Monaten (Gemeine Winterlibelle – Sympecma fusca) bis zu mehreren Jahren (Quelljungfern – Cordulegastroidea). In dieser Zeit häuten sich die Laven unterschiedlich oft.
Wenn sie voll entwickelt sind, klettern oder krabbeln sie aus dem Wasser und suchen sich eine gute Schlupfstelle: ein hoffentlich stabiler Halm (Ast, Blatt, usw.) mit ausreichend Platz, um aus der letzten Larvenhaut schlüpfen zu können. Hierbei ist es absolut unterschiedlich, welche Strecken von den Larven an Land zurückgelegt werden: ich habe Exuvien (die letzte Larvenhaut) tatsächlich schon gut 11 bis 12 Meter vom Gewässer entfernt gefunden.

Exuvien (vermutlich Plattbauch - L. depressa)

Wer den Schlupf gerne sehen möchte, kann das hier tun: ich habe den Schlupf eines Großen Blaupfeils (Orthetrum cancellatum) gefilmt.

Die Metamorphose von einer Larve zu einer Libelle ist die gefährlichste Zeit im Leben der Libellen: bis ihre Flügel vollständig ausgehärtet sind, können sie nicht weg und sind möglichen Fressfeinden und Umwelteinflüssen schutzlos ausgeliefert. Haben sie diese Phase überstanden, starten Libellen zu ihrem ersten Flug, dem Jungfernflug. Dieser führt oft erstmal weg vom Gewässer.

Es folgt dann die sog. Reifezeit, in der die Libellen quasi die Pubertät durchlaufen und ihre Reife erreichen.

Fortpflanzung

Nach der Reifezeit kehren die Libellen zu einem Gewässer zurück (muss nicht das Schlupfgewässer sein) und die Männchen besetzen/erobern ein Territorium. Dieses kann nur wenige Quadratmeter betragen, bei manchen (vor allem bei Großlibellen) sind das dann schon mal gut 100 Meter am Gewässerrand entlang.
Sobald sich dann ein Weibchen am Gewässer blicken lässt, versuchen die Männchen derselben Art das Weibchen zu ergreifen. Hierbei spielen die Hinterleibsanhänge der Männchen die entscheidende Rolle: die Anhänge passen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip nur an das Gegenstück hinter dem Kopf eines Weibchens der gleichen Art.
Angedockt fliegt das Männchen dann mit dem Weibchen davon. Das wird als Tandem bezeichnet.

Tandem der Weidenjungfer (Chalcolestes viridis): das Männchen hat das Weibchen mit seinen Hiterleibsanhängen ergriffen
Tandem Frühe Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula)

Es kommt auch vor, dass Libellen verwirrt sind: nachfolgendes Bild zeigt ein Männchen der Hufeisen-Azurjungfer, das versucht, an ein Weibchen der Gemeinen Becherjungfer anzudocken! Klappt natürlich nicht und der Blick der Angebeteten sagt alles 😉

Verwirrtes Männchen der Hufeisen-Azurjungfer

Paarungsrad

Nachdem das Paar sich nun einig über den eigentlichen Fortpflanzunngsakt ist, fliegt das Männchen mit dem Weibchen an eine passende Stelle in der Umgebung: bei Falkenlibellen habe ich mehrfach beobachtet, wie die Männchen im Tandem mit dem Weibchen sofort hoch in die Baumkronen fliegen. Bei Hufeisenjungfern findet die Paarung meist direkt auf Halmen oder Büschen am Wasser statt. Feuerlibellen wiederrum paaren sich nur wenige Sekunden im Flug,  ohne sich im Tandem überhaupt niederzulassen.

Das Paarungsrad haben aber alle Libellen gemeinsam, die Dauer, wie lange sie in dieser Stellung verharren, kann jedoch von wenigen Sekunden bis über 30-45 Minuten dauern. Da hat jede Libellenart so ihre Vorlieben 😉
Jedenfalls biegt das Weibchen beim Paarungsrad ihren Hinterleib so weit nach vorne, bis sie mit ihrem Geschlechtsapparat das “Sekundäre Geschlechtsteil” des Männchens erreicht.
Die Männchen haben zuvor schon das Sekundäre Geschlechtsteil mit ihrem Samen befüllt, wodurch nun die Eier des Weibchens im Paarungsrad befruchtet werden können.
Werden die Paare gestört, fliegt das Paar (manchmal auch im Paarungsrad) auf und sucht sich eine geschütztere oder bessere Stelle, um fortzufahren.

Geschlechterunterscheidung bei Libellen
Früher Schilfjäger (Brachytron pratense) im Paarungsrad: das Weibchen hält sich am Abdomen des Männchens fest
Hufeisen-Azurjungfern (Coenagrion puella) im Paarungsrad
Paarungsrad der Frühen Heidelibelle (Sympetrum fonscolombii)

Eiablage

Ist die Befruchtung erfolgt, geht es zurück zum Wasser, um die Eier abzulegen. Hierbei verhalten sich die Arten unterschiedlich:

    • das Paar fliegt im Tandem zum Wasser und das Männchen lässt das Weibchen während der Eiablage nicht los
    • das Männchen bewacht die Eiablage indem es über dem Weibchen patroulliert und potentielle Störenfriede vertreibt
    • das Weibchen fliegt alleine zum Wasser während sich das Männchen schon wieder nach anderen Weibchen umsieht

Die Eiablage verläuft auch unterschiedlich:

    • die Weibchen einiger Arten stechen die Eier in abgestorbenes Pflanzenmaterial
    • andere tauchen im Flug knapp über der Wasseroberfläche mit ihrem Hinterleib ins Wasser und “verlieren” dabei die Eier
    • oder die Eier werden bei niedrigem Flug über die Wasseroberfläche richtiggehend ins Wasser geschleudert.

Ganz spannend machen es z. B. die Prachtlibellen (Calopterygidae): hier klettern die Weibchen an Pflanzenmaterial unter die Wasseroberfläche, um dort ihre Eier abzulegen. Und Weidenjungfern (Lestes viridis) stechen die Eier unter die Rinde von über Wasser hängenden Ästen.
Südliche Mosaikjungfern (Aeshna affinis) legen ihre Eier mehrere Meter vom Wasser entfernt ins feuchte Erdreich.

Große Königslibelle (Anax imperator) bei der Eiablage
Südliche Mosaikjungfer (Aeshna affinis) bei der Eiablage im Erdreich

Aus den Eiern schlüpfen in den nachfolgenden Tagen, Wochen oder sogar Monaten zunächst die Prolarven. Diese werden zu Larven, die dann bis zu ihrem Schlupf unter Wasser leben.
Ist die Zeit gekommen, krabbeln sie zur Metamorphose wieder aus dem Wasser und der Zyklus beginnt von neuem …